Schlager im Endstadium am Samstagabend: der Silbereisen Flori im Pornobariton, der Bohlen Dieter als akustische Zumutung für den Enddarm und die Fischer Helene, der am Ende Bauchspeicheldrüsen und Siebbeine aus dem Publikum entgegenflogen. Ein Konklave der Belanglosigkeit zwischen Videotext-Karaoke und der Erkenntnis, dass man beim Schlager die Wohnung auf Hochglanz bringen kann. Der Carpendale Howie und der Kaiser Roli waren auch da.
20:15 Uhr: “Noch ist alles ganz ruhig, aber hier warten bereits Tausende Zuschauerinnen und Zuschauer auf die größte Schlager-Liveshow Europas”, eröffnet der
20:20 Uhr: Um Gottes Willen!!! Da sind ja Kinder im Publikum. Kann die jemand rausholen, bitte!!! Ich fasse es nicht. Na, das gibt nach der dreistündigen Chose natürlich eine Anzeige!
20:21 Uhr: Auch heute, verrät uns der Host, werden die Texte per Videotext zum Mitsingen eingeblendet. Wie schön! Auf das betreute Singen freu ich mich schon seit achtzehneinhalb Wochen. Die Karaoke-Version für Menschen, die das Internet noch für eine vorübergehende Erscheinung halten.
20:23 Uhr: Who the fuck is Druckluft? Kennt keine Sau, die Band, oder? Oh, ist da die Ott Kerstin die Frontfrau? Na sicher ist das die Ott Kerstin. Und singt die jetzt wirklich “Ich bin die Schlagerbooom-Maus und bringe voll die Stimmung ins Haus”? Bei solchen Lyrics krieg ich auch Druckluft. Welcher Art, will jetzt aber vermutlich keiner genau wissen.
Achselschweiß und große Gefühle
20:29 Uhr: Die Kelly Maite muss heute schon früh performen und wurde für ihren Auftritt in einer achtundzwanzigstündigen Prozedur in ein enges bordeauxrotes Kleid eingeschweißt. Sie singt irgendeinen ihrer Songs, auf den ich mich überhaupt nicht konzentrieren kann, weil einer der Tänzer neben ihr unter den Achseln Schweißflecken von der Größe zweier deutscher Bundesländer spazieren trägt. Jesus Christus, ein anderer schwitzt ja sogar auf der Plauze – welch ungewöhnlicher Ort. Tropft’s jetzt gleich von irgendeinem Ohrläppchen?
20:33 Uhr: “Die Zeit bleibt stehen und doch vergeht sie”, sagt die Kelly Maite, die offenbar schon das eine oder andere Mal in das TV-Format “Sternstunde Philosophie” reingeschaut hat. “Bist du ein ungeduldiger Mensch?”, will der Silbereisen Flori – heute in einem grauen Anzug mit Schlabberhose, die sich wegen der rezidivierenden Druckluft-Ausstöße immer wieder aufbläht – von der Sängerin mit den sweating Dancers wissen.
20:37 Uhr: @Mountain Crew! Es ist mir so dermaßen scheißegal, wie viele Hände ein Oktopus hat.
20:40 Uhr: Mir geht schon wieder alles zu schnell. Jetzt bereits der Ötzi DJ? Oh, der Tiroler zeigt seine gefühlvolle Seite und bietet im knallgelben Hoodie, mit dem er vor eineinhalb Stunden noch in der Muckibude Kettlebells geschwungen und am Kabelzug gerudert hat, seine neue Single “Edelweiss” dar. Da muss ich gleich ganz viel weinen, komm ich ja schließlich auch aus dem schönen wilden Ösistan.
“Was ich jetzt brauche,
das ist mein Zuhause.
Das ist mein Daheim.
Ich brauch meine Berge,
den Himmel, die Erde.
Nur dort möchte ich sein.”
“Ich bin so verbunden meiner Heimat Österreich”, sagt der Ötzi DJ, der korrekte Satzstellungen voll doof findet. Aja, kann sein, dass der Ötzi DJ bald Post von Umberto Tozzis Anwalt bekommt, da der Refräng von “Edelweiss” doch stark an “Ti amo” erinnert.
20:50 Uhr: Apropos: Der Schlabber-Flori erinnert nun an
20:58 Uhr: Noch heute werde ich eine Insta-Umfrage unter meinen drei Followern starten und fragen, wo sie den Silbereisen Flori schlechter finden: beim “Schlagerbooom” oder auf dem “ZDF-Traumschiff”, das ich mir neulich ebenfalls reinziehen “durfte”. Mein Befund: Ziemlich exakt gleich schlecht!
21:00 Uhr: Was??? Blümchen wird sich heute von der Bühne verabschieden??? Das ist eine absolute Katastrophe. Memo an mich selbst: “Morgen dringliche pharmakologische Intensivierung der antidepressiven Medikation durch signifikante Dosiseskalation eines selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmers!”
Schlager und sonstige Schäden
21:08 Uhr: “Für ihr neues Album ’15 Jahre Santiano’ haben sie ihre allergrößten Hits noch einmal ganz neu aufgenommen”, fasst Silbereisen Flori eine der Kernproblematiken des Schlagergenres unfreiwillig brillant zusammen.
21:12 Uhr: Ein Minutenprotokoll zu schreiben und parallel die Wohnung aufzuräumen, ist durchaus fordernd. Teilweise sitzt man mit einer Unterhose in der Hand vor dem Bildschirm und hämmert mit der anderen in die Tastatur. Not so easy! Oh, die Ott Kerstin schon wieder. Den Rest der “Druckluft”-Band hat sie offenbar in der Garderobe gelassen. Frage an die Klasse: Hat die Ott Kerstin in ihrem fucking Schlagerleben “Regenbogenfarben” schon ein einziges Mal live gesungen? Ich mein, im Grunde ist es so dermaßen wurscht, weil im Publikum kriegen sie auch bei einem Playback orgasmische Schübe in der Embryonalstellung und werfen die letzten verbliebenen Würdeansprüche im Takt zur Musik über Bord. Hat die Ott Kerstin ihr weißes Oberteil eben von den Shanty-Rockern Santiano geschenkt bekommen, oder warum trägt sie eine Schwimmweste?
21:32 Uhr: Der Silbereisen Flori und der Ötzi DJ singen jetzt gemeinsam “Tränen lügen nicht”. Es kann sein, dass ich jetzt Socken bügeln und ein bisschen den Parkettboden schleifen muss. “Ist das schön, Gerry!”, sagt der Silbereisen Flori zum Kapuzianer mit der gehäkelten Eierschale auf der Murmel.
21:38 Uhr: Stereoact? Noch nie gehört. Ist mir zu progressiv. Kann jemand die Kessler-Twins reanimieren, please! Ah, super, der De Angelo Nino. Der ist ja auch in Feierlaune: Heute in der Früh hat er seine achtmilliardenste Zigarette geraucht. Ich gratuliere relativ herzlich! Der De Angelo Nino singt “Gente di Mare” von Raf und Umberto Tozzi. Wahnsinn, Raf hätte ich ja fast vergessen. Aus dessen Feder stammt ja, wenn ich nicht ganz dämlich bin, auch der Track “Self Control”, den dann vor allem Laura Branigan berühmt gemacht hat. Der De Angelo Nino hat ein Weihnachtsalbum produziert. Die Songs darauf heißen Marlboro, Marlboro Light, John Player Special, Lucky Strike, Ernte 23, Stuyvesant, Roth-Händle und HB.
21:45 Uhr: Der Carpendale Howie sieht heute aber etwas angeschlagen aus. Muss man sich Sorgen machen? Vielleicht hat ihn auch nur das “Edelweiss” vom Ötzi DJ ein bisschen mitgenommen. Aber ich nehme noch immer erfreut zur Kenntnis, dass sie dem Südafrikaner den Barhocker vom Gesäß wegoperiert haben. Ich glaube, ich hab das schon mal geschrieben, aber ständig so einen sperrigen Barhocker am Popo? Das ist ja wirklich kein Leben. Schlaf mal mit so einem sperrigen Ding am Arsch!
Ein Herz für den Enddarm
21:55 Uhr: Ich musste jetzt wirklich laut auflachen, weil der Silbereisen Flori beim Blödgrinsen seine Augen so zusammenpresst, dass ich mich frage, ob da nicht irgendein neurologischer Kurzschluss oder dergleichen diesen Pornobariton und am Hinterausgang die Druckluft auslöst. Das müsste man wissenschaftlich untersuchen lassen.
22:05 Uhr: Nach der Marzahn-Cindy jetzt der Gabalier Andi. Harter Übergang! Der Steirer singt “Amoi seg’ ma uns wieder”, worauf die Hälfte des Publikums mit den Pranken ein Herz formt. Wieso formt seit ein paar Jahren eigentlich jeder ständig ein Herz mit seinen Pfoten? Wenn du heute nach dem Zahlen an der Supermarktkasse oder nachdem der Mechaniker deine Reifen gewechselt hat, mit den Pfoten ein Herz formst, schaut dich nicht einmal jemand mehr deppert an. Das Schlimmste daran: Man wird irgendwann selbst so. Bin neulich bei einem Konzert aus einer Mobiltoilette raus und hab für die wartende Schlange die Hände zu einem Herz geformt.
22:28 Uhr: Die Berg Andrea schiebt sich jetzt ins Zentrum des Geschehens. Im Zuge meiner knallharten Recherche im Vorfeld dieses intellektuellen Hochamts bin ich auf ihre Einschätzung zum Silbereisen Flori gestoßen. Er sei ihr zu klein und obendrein nicht ihr Beuteschema, meinte sie im ARD-Kneipentalk bei “Inas Nacht”. Ich forme gerade meine Hände zu einem Herz. Was ich nicht wusste, ist, dass man während eines Medleys von der Berg Andrea eine ganze Badewanne putzen kann. Werde auch diese Erkenntnis auf Insta publizieren müssen.
22:40 Uhr: Ich muss gestehen, dass mein Herz ob meiner langen Mittelfinger, die irgendwie immer im Weg sind, oft ein bisschen nach einem Rektum aussieht. Vielleicht haben mir ja deshalb zwei Typen aus der Schlange beim Mobilklo den Mittelfinger präsentiert?
22:42 Uhr: Um Gottes Willen! Der B.o.h.l.e.n. D.i.e.t.e.r. !!! Ich versuche mit meinen Pranken jetzt ganz bewusst ein Rektum zu formen. Sorry, Dieter, aber “Brother Louie” ist ja wirklich Musik für den Enddarm! Der Silbereisen Flori und der “Pop-Titan” singen jetzt auch noch gemeinsam “Midnight Lady”. Jetzt finde ich es fast ein bisschen schade, dass ich nicht auch 100.000 Hände wie der Oktopus habe.
22:55 Uhr: Beim zehnjährigen “Schlagerbooom” darf natürlich auch der Kaiser Roli im Konfirmationsanzug nicht fehlen.
“Du bist begehrlich,
mal wild und mal zärtlich.
Im roten Kleid, Rot ist gefährlich.
Sind wir mal ehrlich,
du brauchst ‘nen Mann.”
Der Kaiser Roli hatte sie alle. Ein Teil davon steht auch im Publikum und spitzt auf Kindesunterhalt. “Ihr seid in hohem Maße innovativ, modern und zeitgemäß – und deswegen habt ihr auch diesen Erfolg”, sagt der heute offenkundig nicht ganz im Vollbesitz seiner gedanklichen Ordnung befindliche Kaiser Roli zum Silbereisen Flori und seinem Team.
Schlager bis zum Umfallen
23:12 Uhr: Der Silbereisen Flori hält eine Eloge auf seine Ex, die Fischer Helene. Die war schon beim ersten “Schlagerbooom” vor zehn Jahren mit von der Partie und präsentiert heute ihre neue Single “Warum”. Die Ballade handelt von Sehnsucht, Nähe und dem Wunsch, möglichst jede verfügbare Minute miteinander zu verbringen. Im Publikum werden Herzen, Mastdärme, Bauchspeicheldrüsen, Siebbeine und vereinzelt sogar Musculi glutei maximi geformt. Ein Zwölffingerdarm ist auch dabei! Der ist auch wirklich kein Gemeinschaftsprojekt. Respekt! Die Fischer Helene und der Schlabber-Flori umarmen einander. Das wird jetzt sicher ein ganz, ganz, ganz großartiges Interview. Ich rechne mit mindestens einer Frage, die das Verhältnis von Liebe und Zeit neu vermisst.
23:20 Uhr: “Bist du ein Bauchmensch?”, will der Host von seiner Ex wissen. Ziemlich sicher die beste Interviewfrage, die ich je gehört habe. Moment, ich muss kurz ein paar Gespräche Revue passieren lassen. Frost und Nixon? Hmmm! Paxman gegen Howard? Nein, sicher nicht! Die Arendt damals bei Gaus? Puh, das war schon auch gut. Aber nein! Nichts, was an die intellektuelle Sprengkraft von “Bist du ein Bauchmensch?” heranreicht.
22:25 Uhr: Shit, jetzt hab ich vor lauter Revuepassierungen so gar nicht auf das Medley von der Fischer Helene geachtet. Ah, wie sie sich jetzt mit beiden Händen an den Kopf gegriffen hat, das war allerdings sehr cool. Der Song jetzt ist allerdings nicht gut. Schade, dass meine Wohnung schon total aufgeräumt und blitzblank ist.
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23:30 Uhr: So süß, der Silbereisen Flori darf sich jetzt beim gemeinsamen Song “Schau mal herein!” ein bisschen im Glanz der Fischer Helene sonnen. Dass ich immer ein bisschen aggressiv werde, wenn er die Augen so deppert zusammenpresst und blöd grinst, muss ich mir anschauen lassen. So bin ich nicht!
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23:34 Uhr: Was? Es ist eh schon aus? Wie cool ist das denn? “Dankeschön fürs Zuschauen und Mitfeiern”, sagt der Silbereisen Flori am Ende dieses überaus harten Abends. Aber es war jetzt auch wirklich nicht die beschissenste Sendung aller Zeiten oder so. Für einen Platz in den Top fünf der beschissensten Sendungen aller Zeiten reicht’s aber schon. Ganz schön erschöpft bin ich, stelle ich fest. Zwischen dem Eierschalen-Gedüdel und den Schlabberhosen-Fürzen das Badezimmer putzen, Sockenpartner finden und eine Krimskramslade inventarisieren ist offenbar sehr kräfteraubend. Also Zeit, schlafen zu gehen. Liebe Grüße und bis irgendwann!