Deutschland steht noch – auch wenn die Art und Weise, wie politisch über die Jugendproteste vom Samstag diskutiert wird, das nicht immer vermuten lässt.
Zu den Protesten aufgerufen hatte die Initiative „Gen Z regelt“. Doch eine Antwort auf die entscheidende Frage, was genau die Gen Z regeln will, bleiben die Organisatoren schuldig.
Auf ihrer Internetseite kann man sich aus einem bunten Strauß aussuchen, wogegen man auf die Straße gehen will. Und betrachtet man die Plakate derjenigen, die diesem Aufruf am Samstag gefolgt sind, ergibt sich ein ähnlich diffuses Bild.

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Demonstriert die Gen Z hier gegen kaputte Schulen und ein aus der Zeit gefallenes Bildungssystem?

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Gegen steigende Lebenshaltungskosten, Kürzungen am Sozialstaat und Mieten, die sich kein Student mehr leisten kann?

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Gegen eine drohende Wehrpflicht und Milliardensummen für Aufrüstung?

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Oder dagegen, dass niemand mehr ernsthaft versucht, die Erderhitzung aufzuhalten und unsere Lebensgrundlagen zu retten?

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Niemand weiß es so genau. Die Jugend hat viele Gründe, auf die Straße zu gehen, und das ist das Problem. Denn wer gegen alles demonstriert, demonstriert am Ende gegen gar nichts. Wenn die Gen Z mit ihrem Protest gehört werden will, muss sie sich dringend ein Thema suchen, hinter dem sie sich versammeln kann – allen Unterschieden zum Trotz, die es innerhalb der Gen Z wie in jeder Generation gibt.

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In Frankreich, wo die Jugendproteste begannen, gibt es so ein Thema: Bildung. Die Schülervertreter fordern kleinere Klassen, mehr Lehrer und die Abschaffung der als intransparent und ungerecht empfundenen Plattform für die Studienplatzvergabe, Parcoursup.

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Präsident Macron und seine Regierung sind auf diese Forderungen nach wochenlangem Zögern zum Teil eingegangen. Auch wenn das vielen noch nicht reicht: Der Protest beginnt, politische Wirkung zu entfalten. Aus Parolen werden Gesetze.

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In Deutschland würde das nicht funktionieren: Selbst wenn Friedrich Merz Vertreter der Proteste ins Kanzleramt einladen würde: Welches Signal könnte er senden, dass er ihre Sorgen ernst nimmt? Welche Forderung soll er erfüllen, wenn sich die Organisatoren nicht einmal selbst einigen können, was ihnen am wichtigsten ist?

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Wer etwas erreichen will, muss sich selbst darüber klar sein, was er erreichen will. Ein allgemeines Gefühl der Unzufriedenheit zu artikulieren, reicht nicht.

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Und es gibt noch ein Problem mit der mangelnden thematischen Fokussierung der Proteste: Wer für alle anschlussfähig sein will, wird auch anschlussfähig für die Falschen.

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Am Tag nach den Demonstrationen wird nicht etwa über Bildungspolitik diskutiert. Auch nicht über Wehrpflicht und schon gar nicht über den Klimawandel. Die Schlagzeilen und die Äußerungen von Politikern beherrschen ausschließlich Randale und Ausschreitungen.

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Denn ja, auch die gab es. Besonders in Frankfurt am Main kam es zu Gewalt. Geschäfte wurden geplündert.

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In Köln gab es nach zunächst friedlichen Protesten Krawalle. Der Demozug wurde wegen Pyrotechnik untersagt.

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In Hamburg brannten Barrikaden, in Berlin flogen am Abend vereinzelt Molotowcocktails.

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Es wäre unfair, die Organisatoren von „Gen Z regelt“ für diese Ausschreitungen verantwortlich zu machen. Sie gingen überwiegend von Störern aus, die sich unter die Demonstranten gemischt hatten oder am Abend, als die offiziellen Demos schon vorbei waren, die Gelegenheit nutzten.

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Von der Polizei heißt es, die eigentlichen Demos seien nahezu störungsfrei verlaufen. „Die überwiegende Mehrheit unserer Jugend hat heute in klarer Ablehnung jeglicher Gewalt friedlich demonstriert“, sagte Stephan Weh, Berliner Landeschef der Gewerkschaft der Polizei. Das sollte in der allgemeinen Aufregung nicht untergehen.

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Doch ganz aus der Verantwortung entlassen, kann man die Organisatoren nicht. Wer zu einer Demonstration gegen alles Mögliche aufruft, muss sich nicht wundern, dass man damit auch zwielichtige Gestalten anzieht.

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So macht man es der Politik viel zu leicht, sich nicht mit den berechtigten Anliegen der jungen Menschen auseinandersetzen zu müssen.

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Er sei „schockiert von den Gewaltexzessen in Frankfurt, die nicht ohne Konsequenzen bleiben werden“, sagte Hessens Ministerpräsident Boris Rhein, der keine Gelegenheit auslässt, sich als konservative Stimme in der CDU zu profilieren.

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Sein Parteifreund und Innenminister Roman Poseck ging noch weiter: „Hier hat sich eine verheerende Verbindung von Linksextremisten und gewalttätigen jungen Menschen entladen.“

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Und Markus Söder ließ schon vor Beginn der Demonstrationen verlautbaren: „Die wollen Deutschland stürmen.“
Solche Pauschalurteile sind schäbig und befeuern das Gefühl vieler junger Menschen, von der Politik nicht ernst genommen zu werden.
Dass die SPD-Bundestagsfraktion jetzt einen Bildungsgipfel fordert, ist die weitaus bessere Antwort auf die Proteste. Aber statt aus der Politik hätte die Forderung danach aus der Bewegung selbst kommen müssen. Betreutes Protestieren – das kann nicht der Anspruch der Gen Z sein. Bis zur nächsten Protestaktion sind es noch zwölf Tage. Zeit genug, der Bewegung endlich eine Richtung zu geben.